HAUS DER GESCHICHTE der Juden Badens
EIN LEUCHTTURMPROJEKT FÜR BRUCHSAL
 

 19. September 2019: Die Bruchsaler Rundschau berichtet: "Chance für zweiten Magneten in Bruchsal - Preisträgerentwürfe für Feuerwehrareal gezeigt":



Chance für zweiten Magneten in Bruchsal

Preisträgerentwürfe für Feuerwehrareal gezeigt

Rabbiner: Synagogenreste können überbaut werden


Von unserem Redaktionsmitglied Heike Schaub


Bruchsal. Einen „großen Wurf“ hat sich die Stadt Bruchsal vom Ideenwettbewerb zur Nachnutzung des Synagogen- und Feuerwehrareals erhofft. Damit soll in der Innenstadt in den nächsten Jahren neben dem Schloss ein zweiter Anziehungspunkt geschaffen werden. Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick war anschließend von Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl der 18 Wettbewerbsteilnehmer im Umgang mit dem historisch wichtigen Gelände beeindruckt. Drei Preisträger und zwei Anerkennungen wurden am Mittwoch im Rathaus kurz vorgestellt.


Damit sich auch die Öffentlichkeit ein Bild von den eingereichten Arbeiten machen kann, werden alle 18 Wettbewerbsbeiträge am 24. Oktober in einer Ausstellung präsentiert und von Fachleuten erklärt. Die Stadt will dabei gleichzeitig erläutern, warum man sich nach dem zehnstündigen Findungsprozess der Jury für die drei Preisträger ausgesprochen hat. Im neuen Jahr soll sich dann der Gemeinderat mit den vorgestellten Ideen befassen und die Vorgaben für den Realisierungswettbewerb verabschieden. Stadtplaner Hartmut Ayrle warb bei der Pressekonferenz dafür, die Chance für den Bau eines attraktiven Gebäudes mit attraktiver Nutzung in der Innenstadt zu ergreifen.


Zuvor hatte der Juryvorsitzende Gerd Gassmann, Architekt aus Karlsruhe-Durlach, die drei Preisträger vorgestellt, auf die sich das 18-köpfige Preisgericht einstimmig geeinigt habe. Sie bekommen für ihre Entwurfsideen jeweils 10 000 Euro Preisgeld. Die weniger geeigneten Arbeiten waren zuvor ausgeschieden. Übrig blieben fünf Arbeiten, wobei zwei einen Anerkennungspreis von je 4 950 Euro erhielten. Berücksichtigt wurden bei den fünf preisgekrönten Arbeiten Pläne für Museumsbauten mit Integration der Synagogenfundamente wie auch Pläne eines Investors, der das Filetstück in der Innenstadt mit angrenzenden Flächen bestmöglich nutzen möchte.


Einer der drei Preisträgerentwürfe kommt von Felix Mayer und Alexandra Bühl, einem Architekten-Team aus Köln und Karlsruhe: Die Fassade des alten Feuerwehrhauses wird dabei in einen Museumsbau mit Gedenkstätte integriert. Im dabei entstehenden Innenhof sind die Fundamentreste der abgebrannten Synagoge sichtbar. Von Valentin Giorgio Martin, einem Architekten aus Stuttgart, kommt ebenfalls der Entwurf für ein Museum. Die Fundamente des Sakralbaus werden dort im Foyer überbaut. Daneben soll ein Gebäude für Verwaltungs- und Wohnzwecke entstehen. Die Architekten Peter und Felix Thoma aus Karlsruhe/Frankfurt haben eine geschlossene Bebauung für vielfältige Nutzung vorgestellt, in deren Hof mit Hilfe von Pergolastrukturen die Umrisse der Synagoge als Raster sichtbar werden. Dieser Entwurfe überzeugte das Preisgericht besonders durch seine bemerkenswerte Gartengestaltung, wie Gerd Gassmann erläuterte.


Daneben gibt es noch zwei Anerkennungspreise, so der Vorschlag des Landratsamtes Karlsruhe für die Erweiterung der Handelslehranstalt mit Bau einer Sporthalle samt einer Gedenkstätte. Von den Karlsruher Architekten Adrian Ardianowytsch, Isabelle Weis und Maxim Winkler kommt ein Entwurf, bei dem das Feuerwehrhaus erhalten bleibt. Dahinter sind die Synagogenreste noch sichtbar.


Rami Suliman, Jurymitglied und Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens, verwies darauf, dass die Synagogenfundamente im Boden nicht heilig seien. Dies habe ihm der zuständige Rabbiner Mosche Flomenmann bestätigt. Sie könnten deshalb auch überbaut werden. Er begrüßte die große Sensibilität im Umgang mit dem historischen Grundstück und der Geschichte der Juden in Baden und stellte finanzielle Hilfe in Aussicht.




16. September 2019: 18 Vorschläge zur Nachnutzung des Synagogengrundstückes wurden von einem 18-köpfigen Preisgericht bewertet.

Wie die Bruchsaler Rundschau heute berichtet, wurden die Wettbewerbsunterlagen zwar 160 mal angefordert, aber nur 18 Vorschläge abgegeben. Hieraus wurden drei Preisträger und zwei Anerkennungen ermittelt, allerdings ohne Anspruch auf Realisierung. Wie der Juryvorsitzende ausführte, musste das Preisgericht "Äpfel mit Birnen vergleichen und einen ganzen Obstkorb voll unterschiedlicher Ideen bewerten". Klare Rahmenbedingungen waren nicht definiert. Diese Ideen sollen lediglich als denkbare Varianten für das weitere Entscheidungsverfahren dienen. Die letztendliche Entscheidung über die zukünftige Nutzung dieses so wichtigen innerstädtischen Areals trifft der Gemeinderat; die Synagogenfundamente finden sich noch unter dem Hof des aktuellen Feuerwehrhauses.





Über den Umgang mit dem Bruchsaler Synagogengrundstück


Ein paar grundsätzliche Überlegungen

Ein Kommentar



Eine Stellungnahme im Bruchsaler Gemeinderat


Wir wollen – ganz klar und eindeutig – ein würdiges Gedenken an die Geschichte dieses Ortes auf diesem Grundstück umgesetzt sehen. Wir erwarten aber auch, dass mit dieser Fläche auch über das Gedenken hinaus, sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig umgegangen wird. […] Da die Verwertung des Grundstücks in der mittelfristigen Finanzplanung bereits eingepreist worden ist, gehen wir davon aus, dass die Verwaltung unsere Erwartungshaltung teilt.“


So die Bruchsaler CDU-Gemeinderatsfraktion in ihrer Haushaltsrede 2019. Diese Sätze beziehen sich auf das Synagogengrundstück, über dessen weitere Nutzung derzeit in Bruchsal diskutiert wird.


Der Subtext in diesem Statement ist allerdings erst beim zweiten Lesen ersichtlich. Die CDU-Gemeinderatsfraktion erwartet eine „Verwertung“, also einen Verkauf des Grundstückes. Wohl an einen Investor, da (der Verkaufserlös) „in der mittelfristigen Finanzplanung bereits eingepreist worden ist“. Einpreisen ist in diesem Kontext wohl nicht anders zu verstehen, als dass in einem Haushaltsplan der Stadt Bruchsal für ein Folgejahr der Verkauf des Synagogengrundstückes vorläufig eingeplant ist. So wäre auch das von der Bruchsaler CDU im September 2018 vorgeschlagene „Mehrgenerationenhaus“ ermöglicht, das nach Ansicht der Partei „durch Investoren, Zuschüsse, Verkäufe erfolgen“ kann, denn „das Areal sollte […] kommerziell genutzt werden“. Bei einem Verkauf des Synagogengrundstückes an den Landkreis zum Bau einer Erweiterung der Handelslehranstalt oder dem von Mitgliedern der SPD-Gemeinderatsfraktion favorisierten sozialen Wohnungsbau gälte das Gleiche. Alle drei Ideen wären sicher sehr anstrengungslos für den Gemeinderat umzusetzen, erfordern sie doch lediglich eine Abstimmung über den Verkauf des Grundstückes. Alles andere läge dann in den Händen eines Investors, der letzten Endes auch die Planungshoheit hat. Vielleicht sollten die Gemeinderäte im Blick behalten, dass es in Bruchsal weitere, aller mindestens gleich große, wenn nicht gar größere Grundstücke gibt, die für ein Mehrgenerationenhaus oder sozialen Wohnungsbau bestens geeignet sind. Zu denken wäre hier beispielsweise an den Parkplatz hinter dem früheren Landratsamt (so dieser noch nicht an einen Investor verkauft wurde) oder an das große Grundstück in der Rollingenstraße, zwischen Friedrich- und Schlossstraße gelegen.


Wurde die Bruchsaler jüdische Gemeinde jemals für den Verlust ihrer Synagoge entschädigt?


Rein rechtlich ist gegen diese Vorgehensweise wohl sicher nichts einzuwenden, obwohl bis heute noch nicht geklärt ist, wie die Verkaufsverhandlungen nach der Zerstörung der Synagoge im November 1938 abliefen. Wurde die große Bruchsaler jüdische Gemeinde jemals adäquat für den Verlust entschädigt, insbesondere auch für die abgefackelte Synagoge? Und wie liefen die ab 1950 geführten Verkaufsverhandlungen mit der JRSO (Jewish Restitution Successor Organization) nach der Rückübertragung des Synagogengrundstückes an diese Organisation? Ist es tatsächlich so, dass die Verhandlungen zwischen der Stadt Bruchsal und der JRSO von Offenheit und Ehrlichkeit geprägt waren? Wurde die JRSO tatsächlich darüber informiert, dass auf dem Synagogengrundstück ein Feuerwehrhaus gebaut werden soll – und wäre bei einem Wissen davon ein Verkauf überhaupt zustande gekommen? Waren die Kriegsschäden auf dem Grundstück tatsächlich so gravierend, dass die Stadt Bruchsal der JRSO gegenüber um den angesetzten Schätzwert feilschen musste, da sie diesen für zu hoch hielt? Tatsächlich reduzierte die JRSO den Kaufpreis für die Stadt dann um 1/3, nachdem der Landkreis sich an dem Grundstück nicht mehr interessiert zeigte. Nicht nur diese Fragen sollten, bevor man sich über die Nutzung des Grundstückes endgültig entscheidet, offen und ehrlich geklärt werden. Die Kommission für Stadtgeschichte wäre ein richtiger Ort dafür. Bei diesem Grundstück handelt es sich eben gerade nicht um irgendein Grundstück, das man an irgendjemanden für einen möglichst hohen Preis verkauft, um das Stadtsäckel zu füllen – zu viel Bruchsaler Historie und Trauer sind mit dem Synagogengrundstück verbunden.


Ein Gedenkort im positiven Sinne. Ein Ort der Begegnung und des alltäglichen Lebens?


Neben der rein finanziellen Betrachtung der Anschlussnutzung des Synagogengrundstückes ist, hierüber herrscht mittlerweile in Deutschland Konsens, die Betrachtung der moralischen Seite bei einer Diskussion über die Verwendung eines so geschichtsträchtigen Grundstückes unerlässlich. Und eine solche Betrachtung wird sicher eines ausschließen: Die Wettbewerbsvorgabe der Stadtverwaltung zum Umgang mit den Synagogengrundmauern: „Ein Denkmal kann / muss jedoch nicht immer zwingend erhalten werden. In manchen Fällen ist eine Dokumentation ausreichend. […] Ob […] die Fundamentreste erhalten werden oder nicht liegt in der Entwurfsentscheidung [des Investors bzw. Planers].“ Ein zeitgemäßes Denken ist das nicht und entspricht auch nicht der Denkweise der Denkmalämter.


Synagogendenkmal Leipzig. Foto: privat

Andere Städte gehen mit so sensiblen Themen ganz anders um, Aussagen wie „des is alt, des kann weg“, gibt es in Kommunen, die bereit sind, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen, ganz sicher nicht (mehr). So hat beispielsweise die Stadt Marburg die Grundmauern der niedergebrannten Synagoge bewusst erhalten und dort einen Garten des Gedenkens eingerichtet. Der Marburger Gemeinderat stellte hierfür 900.000 Euro zur Verfügung. In Freiburg wurde auf dem Synagogengrundstück als „Ort der Erinnerung“ ein Wasserbassin gebaut, das allerdings zu großen Diskussionen innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinden führte. In Leipzig stehen auf den Grundmauern der Synagoge metaphorisch 140 bronzene Stühle aufgereiht auf einem Plateau. In Wuppertal wurde das frühere Synagogengrundstück lange Zeit als Parkplatz genutzt. 1994 wurde dort die „Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal“ eingeweiht. Granitplatten zeichnen den Grundriss der ehemaligen Synagoge nach, Teile der Grundmauern sind noch zu erkennen. Eine Ausstellung dokumentiert die Geschichte der Wuppertaler Juden, zudem versteht sich die Einrichtung als Begegnungsstätte.


Dies sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie andere Städte und Gemeinden es verstehen, mit so einem sensiblen Sachverhalt umzugehen.


Geschrieben wird dies mit Tränen wegen der Zerstörung unseres Volkes“

(Rabbiner Mosche Lebel)


Mit dem Umgang der Freiburger Stadtverwaltung mit den dort gefundenen Synagogengrundmauern hat sich die Europäische Rabbinerkonferenz unter der Leitung von Rabbiner Mosche Lebel im November 2016 beschäftigt. Diese kommt zu dem Fazit: „Man bemühe sich von der Stadtverwaltung in Deutschland diesen Ort zu bewahren, wo sich früher eine Synagoge ehrenvoll erhob und heute möchte man das Andenken an die Synagoge durch den Bau eines Brunnens und andere Dinge tilgen. Wie sich gezeigt hat, sind die Steine der Synagoge heilig, und man muss diese an ihrem Ort belassen, gemäß des Gebots „Tuet dies nicht Eurem G'tt“. Ebenso ist es verboten, an diesem Ort etwas zu errichten, das diesen heiligen Ort entweiht. […] Es gibt sicherlich keine größere G'ttes Entweihung als die Entweihung dieses Ortes, an dem der Name Israels, G'tt behüte, nicht mehr gedacht werde.“


In einem anderen Dokument zur Thematik Heiligkeit von Synagogenfundamenten werden Megillah 28a und Maimonides im Kapitel 11 der Halacha 11 zitiert. Danach bleibt die Heiligkeit einer Synagoge auch nach ihrer Zerstörung bestehen. Diesen religiösen Aspekt zu beachten ist also eine Sache des Respekts dem Glauben und der Geschichte anderer Menschen gegenüber. Sollten wir den Respekt, den wir für uns erwarten, nicht auch anderen schenken?







"Alles, was gegen das Gewissen geschieht, ist Sünde"

(Thomas von Aquin)


Bei allen Überlegungen zum Umgang mit dem Synagogengrundstück sollte im Mittelpunkt immer auch diese Fragen stehen: Was können und sollten wir tun, um der Vergangenheit gerecht zu werden, ohne dabei die Zukunft zu vergessen? Was würden wir uns an Stelle der Synagoge wünschen, wenn wir eben diese Menschen wären, die zwischen 1933 und 1940 aus Bruchsal vertrieben oder in Konzentrationslager verschleppt wurden - oder wenn wir deren Nachkommen wären?


Was ist wichtiger? Ein Baum oder die Menschlichkeit?


In den Unterlagen zu dem Ideenwettbewerb wird gefordert, „der Große Baum beim Steak-House ist zu erhalten“. Dieser Wunsch der Stadtverwaltung ist selbstverständlich zu respektieren, ist diese Platane doch über die Jahre prächtig herangewachsen. Es ist aber beim besten Willen nicht nachvollziehbar, warum die für jüdischen Religionsangehörige so wichtigen Synagogenfundamente anders als der Baum nicht in Ehren zu halten sind. Will sich unsere Stadt tatsächlich so nach außen präsentieren: Die als heilig angesehenen Synagogengrundmauern können weg – der Baum jedoch hat stehen zu bleiben?


"Mehr Beteiligung und Übernahme von Verantwortung reduzieren den Verdruss"

(Prof. Dr. Rita Süssmuth, deutsche Politikerin der CDU)


Wie wäre es, wenn in Bruchsal die Bebauung des Synagogengrundstücks mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) oder einer ähnlichen Einrichtung abgestimmt würde?

Die Stadt-Sprecherin betonte in einem Interview, dass man auf jeden Fall „in irgendeiner Form“ Raum für das Gedenken schaffen „und die Bürger miteinbeziehen“ wolle. Ein richtiger, vielversprechender Ansatz. Vielleicht sollten sich gerade die Menschen für eine Entscheidungsfindung zusammensetzen, die bzw. deren Vorfahren direkt von dem Geschehen im NS-Staat betroffen waren? Die Nachfahren von Bruchsalern jüdischen Glaubens setzen sich an einen Tisch mit den Abkömmlingen derer, die in Deutschland blieben und auch unter dem faschistischen Hitler-System leiden mussten? Möglicherweise könnten diese Menschen ein Projekt auf den Weg bringen, auf das nicht nur die Bruchsaler Stadtgesellschaft stolz sein könnte.  


Denn die Stadt darf sich nicht ein drittes Mal schuldig machen durch Schändung der Synagoge und danach des Grundstückes. 1938: Niederbrennen der Synagoge, 1953: Bau eines Feuerwehrhauses an dieser Stelle. Und 2020 dann die Entscheidung für eine Nutzung, die überwiegend kommerzielle Investoreninteressen verfolgt und in den Mittelpunkt der Überlegungen rückt?


© Rolf Schmitt


 
 
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